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    »Jenny Milchman lebt mit
    ihrer Familie im Staat
    New York.
    Wenn sie nicht selbst schreibt,
    vermittelt sie anderen
    Autoren die Kunst
    des Thrillers.

»Lesen Sie den aufregendsten Thriller des Jahres!«
Ein Haus. Eine Familie.
Zwei Fremde

Erscheinungstermin: 15. Juli 2016
Night Falls - Du kannst dich nicht verstecken

Sandra hat alles. Ein Traumhaus mitten in der Natur. Einen Mann, der sie auf Händen trägt. Eine 15-jährige Tochter, ihr großes Glück. Bis aus dem Traum ein Alptraum wird: Zwei Fremde dringen in ihr Haus ein, schlagen ihren Mann brutal nieder und nehmen Mutter und Tochter als Geiseln. Draußen tobt ein Schneesturm. Es gibt keinen Ausweg. Schon gar nicht für Sandra. Denn sie kennt einen der Männer — und wollte ihn um jeden Preis vergessen.

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Leseprobe

Jenny Milchman
Thriller
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Marie Rahn
ISBN 9783548287553
Auch als E-Book erhältlich.

Sandy Tremont stand an ihrer Kücheninsel, starrte auf die gezackte Bergkette vor ihrem Fenster und rührte in einem Topf. Sie wusste gar nicht mehr, was sie da kochte. Erst als die Sauce zu blubbern begann und Sandy Tomaten roch, fiel ihr wieder ein, dass sie sich heute für Spaghetti zum Abendessen entschieden hatte. Sie schüttelte den Kopf und blinzelte, um sich wieder auf das zu konzentrieren, was direkt vor ihr lag. Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie in eine Schublade griff, ohne zu wissen, warum sie sie aufgezogen hatte. Sie sollte wirklich selbst mal ein paar der Achtsamkeitstechniken üben, die sie bei ihren Patienten benutzte.

Das Fenster ging über die ganze Wand hinter der Kücheninsel. Hier war ihr Lieblingsplatz in diesem Raum. Zu einer bestimmten Zeit im Jahr hatten die Berge dasselbe Blau wie der Himmel. Und selbst jetzt, in den tristesten Wochen des schwindenden Jahres, gab es immer noch Schönes zu entdecken. Quer durch den hinteren Teil ihres Grundstücks schlängelte sich ein Bach und hüpfte munter über die Fel- sen. Offenbar war es kälter geworden, denn das Wasser war fast schwarz und floss zäh wie eine schlammige, teerartige Brühe. Sandy löste nur ganz kurz den Blick davon, um die Gasflamme unter ihrer Sauce niedriger zu stellen.

Als ihr Mann eine beträchtliche Summe von seinem Großvater geerbt hatte, beschloss er, ihr Traumhaus zu bauen. Eigentlich war es eher Bens Traum gewesen als ihrer; denn Sandy hatte sich Sorgen gemacht, ihre Nachbarn, die Leute aus dem Ort oder ihre Patienten könnten das neue Haus vielleicht zu protzig finden. Sandy wollte nicht auffallen. Aber um dem entgegenzuwirken, hatte Ben ein Grundstück gefunden, das so abgeschieden lag, dass es schon fast an Einsiedelei grenzte. Aber Sandy gefiel es, so viel Privatsphäre zu haben. Am Fuß des langgezogenen Hügels stand das nächstgelegene Haus, von dem lediglich das Dach zu sehen war, und das auch nur, wenn die Bäume ihre Blätter verloren hatten. Außerdem gab es zur Linken eine verlassene hochherrschaftliche Adirondack-Ferienvilla auf einem Stück Land, das um Sandys und Bens Grundstück zunehmend verfiel. Das weitverzweigte Holzrahmenhaus stand noch, hielt sich aber nur mit einer gelegentlichen Zementspritze und einem frischen Anstrich auf dem splittrigen Holz aufrecht.

Die einsame Lage machte Sandy keine Angst. Bei ihrer Arbeit drohte stets der Würgegriff von Menschen, die ihre Bedürfnisse nicht nur innerhalb ihrer Termine an den Mann bringen wollten. Da war es gut, nach Hause zu kommen und eine reale Distanz dazu zu schaffen und das Gefühl zu bekommen, wirklich alles hinter sich zu lassen.

Sandy erlaubte sich ein leichtes Lächeln. Meist konnte sie es kaum glauben, dass sie tatsächlich an diesem friedlichen, heiteren Ort wohnen durfte. Sie wünschte, Ben würde sofort nach Hause kommen, damit sie ihm sagen konnte, wie froh sie war, dass er sie zu dem Umzug gedrängt hatte. Sie rührte noch einmal in dem Topf und atmete tief ein. Die Sauce roch würzig und pikant. Als sie sie von der Platte zog, warf sie einen Blick zur Uhr, die ein Signal von sich gab. Ivy hatte noch fünfzehn Minuten, bis sie von der Schule zu Hause sein musste. Und weniger als eine Stunde, bis Ben es erfahren würde, falls sie nicht heimgekommen war.

Als Sandy etwas Pelziges an ihren Knien spürte, griff sie nach unten. »Hey, Mac, guter Junge.«

Der Hund gab mit einem kurzen Bellen seine Zustimmung kund und stemmte sich gegen Sandys Hand. Von ihrem Nachmittagsspaziergang hatte er noch ein paar Kletten im Fell. Sandy zupfte und kämmte das Fell mit den Fingern und entfernte erst die filigrane, winzige Kugel und dann die Pollenkrone von einer Wolfsmilchpflanze. Mac war ein Mischling, und einer seiner Vorfahren musste ein Husky gewesen sein, denn er hatte spitze Ohren und ein durchdringend blaues Auge, während das andere braun war. Aber nicht nur an diesen äußerlichkeiten erkannte man den Husky, es lag auch ein wölfischer Zug in seinem Wesen, etwas Wildes, das allerdings schon seit einiger Zeit nicht mehr zum Vorschein gekommen war.

»Ich muss dich wohl mal baden«, sagte Sandy, und diesmal gab es kein zustimmendes Bellen.

Stattdessen signalisierte Macs pelziges Gesicht Missfallen. Er wandte sich ab und trottete zur Sitzgruppe der Küche, so weit weg, wie er sich allein wagte. Dort legte er sich auf den Teppich vor ein kleines Sofa. Es gab auch ein paar Sessel, aber Mac hasste sie und wich immer davor zurück.

Hinter dem Sitzbereich gingen Glastüren nach Westen hinaus. Sie umrahmten einen bleichen Himmel, der sich über ödes Land spannte. Nackte Bäume und Wiesen mit Stoppelgras: eine Landschaft in der Farbe von Kartoffelschalen. Das Jahr ging zu Ende, und vor ihnen erstreckte sich eine scheinbar unendliche Zeitspanne der Tristesse, aber Sandy liebte auch dieses Erscheinungsbild der Natur.

Sie ging den Herd ausschalten. Die Sauce war fertig, und ein Deckel auf dem Topf würde die Pasta warm halten. Der Salat stand mit einem Küchentuch abgedeckt im Kühlschrank. Sie hatte sogar schon Brot geschnitten. Aufgaben drohten Sandy immer zu entgleiten, daher fing sie gerne früh mit der Zubereitung des Abendessens an und machte die einzelnen Teile wie Düsenjets auf einem Flugzeugträger startklar, anstatt alles gleichzeitig zu kochen.

Da sie nun nichts mehr zu tun hatte, ging sie zum Telefon, um auf der Arbeit anzurufen, und warf dabei einen Blick auf die türkisfarbenen Ziffern der Uhr.

Drei Uhr vierzig.

Trotz unzähliger Ermahnungen und Vorhaltungen, an einem Wochentag pünktlich von der Schule nach Hause zu kommen oder bei Planänderungen zumindest anzurufen, kam Ivy neuerdings unweigerlich zu spät.

Als Sandy seufzte, stand Mac auf und trottete zurück zu ihr. Er fühlte sich unwohl, wenn jemand in seiner Familie besorgt, verärgert oder aufgebracht war. Darin ähnelte er ihr, dachte Sandy und sah zu, wie der Hund quer durch den Raum auf sie zustakste. Mit leichtem Erschrecken wurde ihr bewusst, dass er nicht mehr so geschmeidig lief wie früher. Unfassbar, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem Mac nicht mehr hier wäre. Er war zusammen mit Ivy groß geworden...



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© der deutschsprachigen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016


Jenny Milchman

Jenny Milchman lebt mit ihrer Familie im Staat New York. Wenn sie nicht selbst schreibt, vermittelt sie anderen Autoren die Kunst des Thrillers.

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